Als Analoge Nomaden von Genf nach Afghanistan

Nicolas Bouvier - Die Erfahrung der Welt

Nicolas Bouvier – Die Erfahrung der Welt

Das Buch über zwei Analoge Nomaden, das mir im Antiquariat in der Berner Rathausgasse per Zufall in die Hände fällt, hat es in sich.

Auf dem Cover ist ein offener Fiat mit Genfer Kennzeichen zu erkennen, der über eine staubige Piste fährt. Titel: Die Erfahrung der Welt von Nicolas Bouvier (1929 – 1998). Der Genfer gilt als der Kultautor einer ganzen Generation von Reisenden und Reiseschriftstellern; ich habe noch nie etwas von ihm gehört.

Es ist sicher ein passendes Buch für einen Digitalen Nomaden, auch wenn es schon etwas abgegriffen wirkt und aussieht wie ein Relikt einer längst vergessenen Zeit.

Abenteuerlicher Roadtrip ohne GPS vor 65 Jahren

Es ist die spannende Reisegeschichte eines Schriftstellers und eines Malers, die zusammen in einem Fiat Tipolino in den Jahren 1952/53 von Genf über Jugoslawien, die Türkei, Iran und Pakistan nach Afghanistan fahren.

Langsam reisen und unterwegs Geld verdienen

Ähnlich wie die heutigen Digitalen Nomaden sind die beiden Freunde sehr langsam unterwegs, immer auf der Suche nach guten Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt ortsunabhängig zu verdienen. Mal mit dem Schreiben von Artikeln für Zeitungsredaktionen, mal mit dem Verkauf von Bildern.

Man hat das Gefühl, mitten in der Geschichte zu sein. Bouvier schreibt sehr detailreich und lässt den Leser an all den Gerüchen und Eindrücken teilhaben.

Reisen heisst sich einschränken

Auch wenn das Reisen in den fünfziger Jahren als die grösste Freiheit angesehen wurde, müssen sich die beiden Freunde immer wieder stark einschränken, sie werden ihrer täglichen Gewohnheiten beraubt.

Das Geld ist oft knapp und der frühe Wintereinbruch zwingt sie, ein halbes Jahr in Täbris (Iran) auszuharren. Es wird ihnen aber immer wieder geholfen, einmal sogar von einem Gefängniswärter, der sie umsonst im Vorzimmer seiner Haftanstalt übernachten lässt.

Die grossen Weiten, die erregenden Gerüche, das Gefühl noch die besten Jahre vor sich zu haben, erhöhen die Lebensfreude, wie es die Liebe tut

Unabhängigkeit von der Technik

Nicolas Bouvier konnte seinen Fiat Tipolino eigenhändig in alle 8000 Einzelteile zerlegen, reinigen, schmieren, um sie danach wieder zusammensetzen. Blattfedern schmieren, Vergaserdüsen ausblasen, Zündkerzen auskratzen und den Zündverteiler säubern war die nötige Voraussetzung, um die 13’000 Meilen zu schaffen.

Der technische Fortschritt – schön und gut! Aber man ermisst nicht recht, wie abhängig wir von ihm werden

Übersättigung an Informationen

Schon in diesen frühen Jahren, beklagt sich der Autor über das Übermass an Technik und eine Übersättigung an Informationen. Er hofft auf Rezepte von fremden Kulturen, um wieder aufzuleben.

Man begegnet einander unterwegs, ohne sich immer richtig zu verstehen, und manchmal verliert der Reisende die Geduld; doch in der Ungeduld steckt viel Egoismus.

Analoge Nomaden

Die beiden sind eigentliche „Analoge Nomaden“. Sie schreiben auf ihrer Schreibmaschine in Schenken, wo die Hühner einem zwischen die Beine kacken, während fünfzig Neugierige sich um den Tisch drängen.

Niemals erscheint die Arbeit verlockender, als wenn man sich gerade daranmacht. Darum liessen wir sie liegen und zogen aus, um die Stadt zu entdecken.

Erste Wegstrecke, kleine Wegstrecke

Ein persisches Sprichwort besagt: Erste Wegstrecke, kleine Wegstrecke. Die Klugheit der Karawanenführer, die wohl wissen, dass am Abend des ersten Reisetages jeder merkt, dass er zu Hause etwas vergessen hat.

Reisen ist eine Allegorie des Lebens: Man muss es hinnehmen, in heiteren wie in düsteren Tagen, wohl wissend, dass es eigentlich zum Tode führt.

Notizen zum Buch verloren

Nicolas Bouvier schrieb „Die Erfahrung der Welt“ erst 5 Jahre nach seiner Rückkehr aus der Erinnerung heraus, weil seine Notizen durch das Missgeschick eines Hotelangestellten in Pakistan auf der Mülldeponie gelandet waren.

Drei Jahre arbeitete er intensiv am Manuskript, wobei ihm, vor allem seine Briefe an die Eltern und Freunde als Erinnerungsstütze dienten.

Auf Reisen dem Zufall wieder etwas mehr Raum geben

In der heutigen Zeit, wo wir uns unterwegs kaum mehr in ein Restaurant wagen, ohne vorher in Tripadvisor das Ranking und die Bewertungen genau zu checken, macht dieses Buch Lust, wieder mal etwas mutiger und zufälliger zu reisen. Genau so, wie man es vor 65 Jahren gemacht hat.

Überall wo Menschen leben, kann ein Reisender auch leben.

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